Hallo zusammen!
Ich dachte, ich teile mal meine Erfahrungen mit dem Polestar 2.
Der Beitrag ist lang geworden, aber hat hoffentlich einige interessante Facetten.
Kurz zum Auto, bevor es richtig losgeht:
- MJ2021, Void, Pilot + Plus, Dual Motor
- Kauf im Februar mit ~95.000 km, mittlerweile 115.000 km
- vorher Diesel mit >1.000 km Reichweite
Warum der Polestar 2
Mein Diesel (Ford Mondeo Mk4 BA7, 2007, 140 PS) machte langsam schlapp und ich wusste:
Einen weiteren TÜV schafft das Teil niemals.
Auf der sporadischen Suche nach einem neuen Auto – Elektro stand ziemlich schnell fest – bin ich immer wieder auf den Polestar 2 gestoßen.
Ein paar Wochen zuvor hatte ich die Rücklichter des Autos das erste Mal aktiv wahrgenommen und fand das Auto damals schon sehr interessant.
Nach dem ersten Mal Probefahren stand es so gut wie fest – das wird das nächste Auto. Nur mit welcher Ausstattung und von wann?
Dann ein passendes Onlineangebot, 3 Stunden Fahrt – pro Strecke.
Egal, der Diesel wird es nur noch ein paar Wochen aushalten, bevor es zu spät ist und ich ohne Auto dasitze – also ging es los, mit dem Wissen:
Wenn das Auto passt, kaufe ich es an Ort und Stelle und nehme es noch am selben Tag mit.
Und so kam es dann auch.
Kennzeichen waren vorbestellt > Polestar wurde Probe gefahren > Diesel an den Händler für wenig Geld verkauft > Diesel online abgemeldet > Sofortüberweisung der ~22.000 € für den Polestar an den Händler > Polestar online angemeldet > Nachhause gefahren.
Wie viel fahre ich, wie viel zahle ich?
Ein paar Zahlen:
Ich bin bei einem Verbrauch von 21 kWh / 100 km.
Da ich nicht zu Hause laden kann, lade ich mit dem Vielfahrer-Tarif von EnBW. Das bedeutet:
12 €/Monat + 0,39 €.
Das passiert inzwischen meist nebenher beim Einkaufen – aktiv laden zu fahren passiert mir selten.
Meist nur auf dem Weg in den Urlaub.
Mit meinen 2.500–3.500 Kilometern im Monat komme ich im Schnitt auf weniger als ~240 €/Monat.
Wie sehr stört mich die geringere Reichweite nach inzwischen 20.000 km noch?
Einigermaßen stark, denn wenn ich ehrlich bin, ist das mein größter Kritikpunkt.
Als ich meinen Polestar gekauft hatte, hatte ich wenigstens auf ~400 km Reichweite gehofft.
Die gibt es nur, wenn man sich dazu entschließt, sich mit der Standard-Reichweitenanzeige belügen zu lassen.
Weshalb es diese Einstellung überhaupt gibt, dürfte jedem klar sein.
Schade ist es trotzdem.
Meine realistische P2-Reichweite sind ~300 km mit 95 % SoH.
Fahrgefühl & Komfort
Das Fahrgefühl gegenüber meinem Diesel ist natürlich überhaupt nicht zu vergleichen.
Die 400-PS-Allrad sorgen für eine Beschleunigung, die sich sehen lassen kann.
Dabei eine ruhige Kabine mit einer tollen Anlage.
Nachdem ich mich ans One-Pedal-Driving gewöhnt hatte, fühlt sich jedes andere Auto dagegen an, als würde ich keine Kontrolle haben.
Ich bin jetzt schon einige Male den ID.7 gefahren, aber die stärkste Rekuperation ist immer noch nur ein sanftes Bremsen. Vollen Stillstand kennt das Ding nicht.
Toll, dass man bei Polestar sein Fahrverhalten so sehr anpassen kann – und toll, dass er Android Automotive nutzt.
Das Einzige, was ich vermisse, ist ein dynamisches Fahrwerk.
Denn die harte Federung in Kombination mit den harten Sitzen ist keine angenehme Sache auf den meisten deutschen Straßen jenseits der Autobahn … Darunter leidet der Komfort leider sehr.
Auch ist es ziemlich offensichtlich, dass das Auto nicht dafür gemacht ist, regelmäßig mehr als zwei Personen zu transportieren.
Während ich im Mondeo als Fahrer so weit hinten sitzen konnte, wie ich wollte, und die Person hinter mir trotzdem noch die Beine fast komplett ausstrecken konnte, ist das im Polestar 2 keine Option mehr.
Ich bin 188 cm groß und auch eher kleinere Erwachsene müssen die Knie hinter mir einziehen.
Urlaub & Schlafen im P2
Im Juni hatten wir unseren ersten Urlaub mit dem Polestar.
1.600 km durch die Schweiz und Italien.
Auf den guten Straßen der Schweiz glitt der Polestar nur so über den Asphalt.
Interessant fand ich, dass wir in Deutschland mit Ladepreisen gar nicht so schlecht dastehen.
Natürlich ist die Schweiz teurer, aber auch Italien kann bei unseren Preisen der beiden großen Anbieter nicht mithalten. In der Regel landet man irgendwo bei 60–70 ct/kWh.
Außerdem haben wir festgestellt, dass der Google-Maps-Wert der Batterie zur Ankunft tatsächlich Rekuperation mit einrechnet. Was glaubt ihr, wie wir geschwitzt haben, als Google meinte, wir kommen mit 20 % auf dem Pass an, obwohl wir nur noch 15 % im Auto hatten, ohne eine Lademöglichkeit innerhalb der nächsten 70 Kilometer?
Ziemlich cool, aber in dieser Situation natürlich auch etwas unbehaglich.
Und jetzt aber: Wie war das Schlafen im Auto?
Wirklich erstaunlich okay – und das, obwohl wir zu zweit waren und ich nicht gerade wenig Platz einnehme.
Wir hatten eine aufblasbare Automatratze mitgenommen, die wunderbar über die umgeklappte Rückbank passte, und hatten somit sogar ähnlich viel Platz wie im Mondeo bisher.
Der große Unterschied? Das wirklich tolle Panoramadach über uns, bei dem man vor dem Einschlafen die Regentropfen beobachten konnte.
Ich wünsche mir nur einen Camping Mode, damit ich nicht über die Nacht hinweg die Vorklimatisierung nutzen muss, um alle 45 Minuten frische Luft reinzulassen. Auch hätte ich gerne abgeschlossen, aber das Auto mag es gar nicht, wenn man währenddessen drinnen ist. Auch nicht mit reduziertem Alarm.
Würde ich es wieder machen?
Ziemlich sicher ja – aber keine zwei Wochen mehr am Stück.
Irgendwann machen es die Knie dann doch nicht mehr mit.
5. Captain’s Terminal
Eine Kleinigkeit hat mich noch gestört: Das Auto begrüßt mich nicht.
Die Konkurrenz ist da leider teils etwas weiter.
Wirklich eine traurige Sache – also habe ich es geändert.
Ich arbeite an der App „Captain’s Terminal“, die dich mittels Text-to-Speech beim Losfahren mit deinem Namen begrüßt oder dich nach dem Parken verabschiedet (100 % gratis / ohne Werbung).
Wahlweise kannst du auch einfach eine selbst hochgeladene Sounddatei (.wav) abspielen lassen. Beispielsweise das Imperial Theme von Darth Vader.
Sie reagiert auf verschiedenste Momente und ist vollständig konfigurierbar.
Ändere deinen Namen, was das Auto zu dir sagt, die Stimme (Erebus & Nyx mit je >10 Varianten und Post-Processing-Effekten) und noch viel mehr.
Oder lass alles, wie es ist – es funktioniert auch so.
Ich suche noch Tester, damit ich sie im Play Store veröffentlichen kann.
Alles kostenlos – auch wenn sie fertig ist.
Soll schließlich bloß ein kleines Gimmick sein und Spaß machen.
Aber zurück zum eigentlichen Thema:
Die weniger schöne Seite: „Glücksrad“ Antriebswellen
Ich hatte leider „Glücksrad“-Antriebswellen.
Der ein oder andere hier dürfte wissen, wovon ich spreche.
Ich sage nur „RRRRRR-Geräusch beim Bremsen“.
Ich würde gerne die Soundfiles anhängen, aber das Forum erlaubt das Dateiformat leider nicht.
(Vielleicht mache ich ein Bild von der Tonspur
)
Der Händler, von dem ich diesen Polestar erworben hatte, ist kein Volvo-Partner.
Das Auto kam vom Leasing zurück und hatte einen Vorschaden durch einen Auffahrunfall.
Er hat nun also einen instandgesetzten hinteren Stoßfänger, der aber seine eigenen Macken hat.
Die defekten Steuergeräte bzw. deaktivierten Komponenten sind erst aufgefallen, als wir den Volvo-Partner unserer Wahl gefragt hatten, warum wir denn kein OTA bekommen.
Es stellte sich heraus, dass das Auto erst nach Wiederaktivierung der Steuergeräte Zugriff auf OTA-Updates hat. Bedeutete für uns ein Softwareupgrade von 2.1 → 5.0.10.
Das löste aber nicht alle Probleme.
Es dauerte übrigens 25 Tage, bis das Update überhaupt gefetched wurde, danach lief das Update aber problemlos durch.
Und dann das eigentliche Highlight:
BLIS funktioniert bis heute nicht richtig.
Wir haben praktisch ausschließlich Fehlwarnungen, echte Warnungen sind maximal Glückstreffer.
In der Regel zeigt es überhaupt nichts an.
Beim Wochenendtrip in den Niederlanden hat der Totwinkelassistent mehrfach heftig ins Lenkrad eingegriffen, obwohl ich natürlich ordentlich geblinkt hatte und die Spur komplett frei war.
Das System dachte offenbar, die Spur sei nicht frei …
Jetzt wird deshalb die gesamte hintere Stoßstange inkl. Steuergeräten/Sensoren getauscht.
Der alte Händler erkennt eine Schuld/Verpflichtung nicht an, übernimmt die Kosten aber trotzdem.
Besser als nichts, denke ich mir.
Ursprünglich wurde ich nämlich geghostet, nachdem ich dem Händler gesagt hatte, dass ich kein Interesse an der Wahrnehmung meiner Garantie habe, sondern lieber Gewährleistung in Anspruch nehme.
Für alle, die nicht wissen, was das ist: Es ist toll.
Der Händler muss innerhalb von 14 Tagen das Problem angehen und aktiv versuchen, es zu beheben. Sonst bekommt man als Käufer automatisch das Recht auf Preisminderung oder Vertragsrücktritt, da die Chance der Nachbesserung nicht wahrgenommen wurde.
Schlussendlich bekam ich Unterstützung durch einen ADAC-KFZ-Anwalt, der durch meine Rechtsschutzversicherung eigentlich eine Selbstbeteiligung verlangen würde.
Da der Händler die 14-Tage-Frist aber nicht eingehalten hat, muss ich diese nicht einmal selbst bezahlen.
Fazit nach 20.000 km
Würde ich wieder vom Diesel auf Elektro wechseln?
Ohne Frage, natürlich!
Meiner Meinung nach ist das Rennen gelaufen. Sowohl Verbrenner als auch Wasserstoff sind keine ernsthafte Konkurrenz für private PKW mehr.
Durch die Steuerbefreiung, die wirklich recht saftige THG-Prämie und die günstigen Versicherungs- & Ladestrompreise komme ich sehr viel günstiger weg als mit meinem Diesel von 2007.
Auch den Polestar 2 als Gebrauchtwagen von 2021 würde ich weiterhin empfehlen.
Die ersten 20.000 Kilometer waren die ersten von hoffentlich zehnmal so vielen in den nächsten Jahren.
Unterm Strich ist der Polestar trotz einiger ziemlich absurden Geschichten immer noch mein Auto – und das sagt nach 20.000 km vermutlich mehr aus als jede Sternebewertung.
Vielen Dank fürs Lesen dieses wirklich langen Beitrags!
Sam